Chronik einer Sprunggelenkfraktur

Aktualisiert: Februar 13, 2014
Röntgenbild Sprunggelenksbruch

UPDATE im Januar 2016: Nachdem nahezu alle Leser dieses Artikels nicht Fallschirmspringer sind (dies aber ursprünglich ja eine Fallschirmsprungseite ist) habe ich den Artikel inhaltlich nochmal überarbeitet.

Dieser Erfahrungsbericht ist entstanden, nachdem ich einen Landeunfall in Folge eines Fallschirmsprungs hatte und kaum vollständige Berichte im Internet finden konnte, die tatsächlich den gesamten Heilungsprozess dokumentieren. Und da ich weder der erste noch der letzte Sportler bin, der sich einen sogenannten Weber B (Luxationsfraktur) zugezogen hat, habe ich hier meinen Krankheits- bzw. Heilungsverlauf so gut wie möglich geschildert.

Vielleicht hilft es ja dem ein oder anderen. Ich hoffe nicht, das Du gerade im Krankenhaus liegst und vor Langeweile oder Aufregung nach Sprunggelenkfraktur, Weber B, Weber C o.ä. gegoogelt hast. Wenn doch, dann lass doch einen Kommentar mit Deiner Geschichte unten zurück – geteiltes Leid ist halbes Leid! Und gute Besserung schonmal vorab 🙂

Wie habe ich mir das Sprunggelenk gebrochen?

Nach einem wirklich tollen Fallschirmsprung bin ich bei der Landung zu schnell gewesen und konnte trotz eingeleiteten Landefalls (für die Nichtspringer: eine kontrolliertes Abrollen, wenn man es nicht schafft auf den Füßen bzw. stehend zu landen) nicht mehr die gesamte Energie kompensieren, die noch im Gesamtsystem vorhanden war. Mein Fuß ist dabei an irgendwas in der Wiese hängengeblieben. Mein Körper hat sich also ziemlich zackig um die eigene Achse gedreht, wobei mein Fuß in der Stellung verharren wollte. Am Boden liegend hatte ich schon das Gefühl das etwas nicht in Ordnung ist und ich diesmal nicht mit einem blauen Fleck davon komme … aufgestanden und sofort wieder hingesetzt. Das Gefühl, welches von gebrochenen und aufeinander reibenden Knochen verursacht wird ist eklig und wer es noch nicht erlebt hat, kann sich glücklich schätzen. Es tat seltsamerweise nicht weh, ich habe nur sofort gespürt das etwas kaputt ist.

Also wieder hingesetzt und gewunken – die Ersthelfer waren wirklich schnell und rührend, haben mich vom Gurtzeug befreit, den Schuh ausgezogen (da akute Schwellungsgefahr bestand und der Fuß dann nicht im Schuh feststecken sollte) und die Stelle mit Eis gekühlt. Derweil hatten andere bereits den Notruf verständigt, welcher auch zügig vor Ort war. An der Stelle noch einmal ein dickes Dankeschön an alle die mir geholfen haben. Der Krankenwagen war im Nachhinein absolut unnötig, aber das ist eine übliche Vorsichtsmaßnahme bei Fallschirmsprungunfällen.

Warum ist es passiert?

Diesen Absatz kann getrost überspringen, wer nicht Fallschirmspringer ist.

Ich wollte mir beim Schreiben nochmal vor Augen führen, wie es zum Unfall kam und was ich daraus lernen durfte. Man sollte es ja möglichst vermeiden, den gleichen Blödsinn nochmal zu machen. Vielleicht wird ja nur ein einziger Fallschirmspringer vor den gleichen Dummheiten bewahrt, in dem er sich meine Fehler vor Augen zu führt:

  1. Pech: Ich hatte keinen einzigen blauen Fleck oder irgendeinen anderen Schmerz nach dem Unfall. Mein Fuß ist unglücklich hängengeblieben. Eine andere Landestelle oder ein besserer Landefall hätten vielleicht „nur“ zu einer Verstauchung geführt.
  2. Fallschirm: Sind wir zu schnell auf kleinen Schirmen? Wäre es mir mit einem 190 oder 210 auch passiert? Ein 170 ist zwar nicht wirklich klein, aber mit hundert Sprüngen ist man doch noch Anfänger. In Verbindung mit Kappenflugseminaren fühlt man sich vielleicht sicherer als man tatsächlich ist.
  3. Konzentration: Privates/Emotionales Durcheinander, dazu viel Spaß beim Ritt auf Höhe und im Anschluß ein wirklich toller Sprung. Mehrere Punkte, die mich in Summe abgelenkt haben. Der mentale Fokus war gestört und damit nicht genügend Kapazitäten frei. Ich hatte beim Landeanflug schlicht und ergreifend nicht die nötige Konzentration.
  4. Blödheit: Wochenlang zuvor bin ich bei viel Wind und eher kühlen Temperaturen gesprungen, nicht ein Tag war nur annähernd windstill. Ich hatte mich daran gewöhnt, mit Frontrisern eine schnelle Landung einzuleiten. Ändern sich nun die Verhältnisse und man springt plötzlich bei null Wind und dazu hohen Temperaturen, sollte man diese elementaren Tatsachen und daraus resultierende andere Zeitabläufe tunlichst in die Rechnung mit einbeziehen. Ein Blick auf den Windsack für die Richtungskontrolle reicht zudem einfach nicht aus, man muss auch darüber nachdenken was es bedeutet: vor dem Einstieg ins Flugzeug sollte man wissen, wo und wie man landen will!

Nicht umsonst ist die Landung der gefährlichste Teil beim Fallschirmspringen, direkt im Anschluß an den Faktor Mensch, Selbstüberschätzung und fehlenden Fokus …

Die Zeit im Krankenhaus und die OP

Nachdem ich also im Krankenhaus abgeliefert wurde, kam ich in der Notaufnahme auch schnell dran. Röntgen und einige Gespräche später war die bereits vermutete Diagnose Sprunggelenkfraktur sicher. Komischerweise hatte ich da immer noch keine Schmerzen und „Glück im Unglück“ es waren keine Bänder betroffen. Wenn ich da an meinen Bänderriss beim Snowboarden denke – das waren ganz andere Schmerzen. Da der Fuß bereits deutlich angeschwollen war, wurde eine OP für die nächsten Tage ausgeschlossen. Ich bekam also eine intravenöse Dosis „Scheiss-egal“ Schmerz- und Beruhigungsmittel, bevor der Bruch unter einem mobilen Röntgengerät vorläufig gerichtet wurde. Danach folgte ein Gips und ab ging es ins Krankenzimmer (3-Bettzimmer, ein „Genuss“ der ganz besonderen Art ).

Die Ärzte wollten abwarten, bis die akute Schwellung weg war, also sollte ich 3 Tage „rumliegen“. Das habe ich nicht natürlich nicht gemacht, sondern bin dauernd mit dem Rollstuhl unterwegs gewesen. Sehr zu Verwunderung der Ärzte und Krankenschwestern, die mir meine Schmerzfreiheit nicht glauben und dafür dauernd Schmerztabletten andrehen wollten.

Nach 3 Tagen habe ich offensichtlich oft genug nach einem OP Termin gefragt (der Fuß war genauso dick wie die Tage zuvor) und ich kam vormittags dran. Entschieden hatte ich mich für eine Rückenmarksanästhesie, da ich mich lebhaft an meine Mandel-OP mit Vollnarkose erinnern konnte und keine Lust hatte, mich den ganzen Tag völlig gaga zu fühlen. Nach der Beinrasur und einer Beruhigungspille ging es in den Vorbereitungsraum. Der Anästhesist und OP Pfleger waren einigermaßen überrascht, meistens sind die Patienten wohl nach 2 Minuten lahm gelegt, da sich nur wenige für die „wache“ Betäubung entscheiden. Während der Operation konnte ich leider nicht über einen Monitor zuschauen, sowas muss man vorher anmelden um einen geeigneten OP-Saal zu bekommen. War dennoch spannend dem Chirugenteam zuzuhören.

Nachmittags irgendwann liess die Betäubung in den Beinen endlich nach (seltsam, wenn man kein Gefühl beckenabwärts hat) und die Schmerzen begannen. Man wollte mir aber noch keine Pillen geben, denn es soll wohl erst abgewartet werden, bis das volle Gefühl wiederhergestellt wurde. Fragt nicht nach Sonnenschein, so wenig wie ich vor der OP gespürt habe, so unangenehm wurde es jetzt … dank einiger hochpotenter Tabletten war die Nacht dann aber kein Problem. Am nächsten Morgen wurde ich vom Pochen im Fuß geweckt und das wurde nach und nach zu einem echten Konzert. „Holla die Waldfee“ kann ich nur sagen. Zweimal habe ich die Krankenschwestern gerufen und habe freundlich gefragt, beim dritten Mal war mir dann aber irgendwie mehr nach nett sein zumute und plötzlich kam dann auch ein Arzt. Dieser hat den Drainageschlauch, welcher Blut und Wundwasser ableitet, rausgezogen (siehe Bilder).
Lektion gelernt: Wenn ein Arzt sagt er zählt bis drei, dann wird er bereits bei zwei ziehen. Jedenfalls waren die Schmerzen dann auch schon kurz nach dem Entfernen weg; also naja, weg im Vergleich zu dem Zustand mit Schlauch, nicht wie in „ganz weg“.

Einen Tag musste ich noch flachliegen, dann kam auch schon die Physiotherapeutin und zwang mich mit Krücken erste Gehversuche zu machen. Puh, die Schmerzen waren dank der Pillen nur fernes Rauschen, aber den Flur hoch und runter laufen (in 10 Minuten), kann ganz schön anstrengend sein. Ich war aber versessen auf eine schnelle Heilung und bin solange weiter gelaufen, bis ich keine Kraft mehr hatte (was vielleicht 10 mal den Flur rauf und runter war, aber sicher über 2 Stunden gedauert hat). Am nächsten Tag hat mich die Physiotherapeutin zur Treppe gebracht, denn man muss sich ja auf zu Hause vorbereiten. Außerdem ist der beim Treppenlaufen verwendete Beugevorgang im Fußgelenk etwas ganz anderes, als wenn man auf einer flachen Ebene läuft. Also bin ich wiederum stundenlang Treppe gehoppelt, was sich am nächsten Tag mit einem üblen Muskelkater und Blasen an den Händen bezahlt gemacht gerächt hat.

Es scheint übrigens wie so oft zwei Ansichten bei Ärzten und Physiotherapeuten zu geben:

  1. Die einen plädieren für strikte Bettruhe um dem Körper die Zeit für die Reparatur zu geben
  2. Die anderen sagen sofort belasten, damit der gesamte Apparat so gut wie möglich in Schwung bleibt und die Durchblutung angeregt wird, was mit einem schnelleren Abtransport von kaputten Gewebe und besserer Nährstoffversorgung einhergeht. Die Ärzte und Therapeuten in meinem Krankenhaus waren für Methode zwei und zumindest in meinem Fall bin ich ich auch gut damit gefahren. Hängt vielleicht auch von den konkreten OP Eingriffen bzw. der ursprünglichen Verletzung ab. Ich durfte dann 4 Tage nach der OP nach Hause, da ich so fleissig war und das Gehen auch gut lief; man riet mir langsam und vorsichtig weiter zu trainieren … hahaha, langsam und vorsichtig, klar 😉 wobei habe ich mich nochmals verletzt?!?

Schmerztabletten

Als Randnotiz: Wenn ihr Ibuprofen zur Schmerzbehandlung bekommt, achtet darauf, immer vorher zu essen und Magenschutztabletten zu fordern! Mir wurden die nicht mitgegeben und ich habe eine widerlich schmerzhafte Magen-Darm „Verstimmung“ bekommen und ungewollt fast 4 Kilo abgenommen. Die Magenschmerzen waren teilweise schlimmer als mein Sprunggelenk, aber das ist ein anderes Thema.

Mein persönlicher Weber-B Heilungsverlauf

  • 05.07.2013
    Der Tag des Unfalls
  • 4 Wochen zu Hause
    „Urlaub“ – alles geplante wurde abgesagt und die Zeit zu Hause, viel davon auf dem Sofa, verbracht. Erste kurze Spaziergänge mit vielen Sitzpausen werden von längeren Runden abgelöst, ich nutze nun zwischendurch oft die Krücken nicht mehr, insbesondere in der Wohnung sind diese nicht mehr nötig. Ebenfalls trage ich die Schiene zu Hause nicht mehr, da mir diese mehr im Weg ist. Natürlich muß man sich vorsichtig bewegen und den Fuß nicht verdrehen, aber wenn ich mich behutsam bewege, kann ich ohne Schmerzen und Gefahr „laufen“.
  • 21.08.2013
    Nachkontrolle bei der Unfallchirurgie mit Röntgen. Alles sieht gut aus. Anhand der Beweglichkeit hat der Arzt entschieden das ich ab nun ohne Krücken und Schiene laufen kann. Wenn ich mich unwohl fühle könnte ich die Schiene noch benutzen – aber ich will ja schnell gesund werden. Also weg mit dem Zeug und behutsam aber stetig ohne Hilfen bewegen/trainieren.
  • 30.08.2013
    In Wochenabständen merke ich echte Fortschritte. Die Schmerzen ziehen sich immer mehr zurück. Der Außenknöchel fühlt sich nahezu wie vorher an, der Innenbereich ist nach wie vor deutlich empfindlicher, aber auch hier ist es meist nur noch ein leichtes Ziehen.
  • 06.09.2013
    Nachkontrolle bei der Unfallchirurgie (ohne Röntgen). Arzt ist begeistert und sagt mir das nur wenige Patienten so gute Fortschritte machen. Er hat mich dringend darum gebeten, jetzt ruhig zu bleiben, auch wenn es sich das meiste schon wieder gut anfühlt. Ich solle auch noch einige Monate mit dem Springen warten (grummel). Fahrrad fahren, Schwimmen oder Kraftsport (aber keine Beinpresse, Laufband o.ä.) wäre aber schon wieder okay.
  • 11.09.2013
    Der erste komplett schmerzfreie Tag!
  • 13.09.2013
    Jetzt auch komplett schmerzfrei beim Dehnen (80% Beweglichkeit)
  • 17.09.2013
    Über 45 Minuten ruhiges aber stetiges Spazieren ohne Pause => komplett ohne jegliches Zwicken und ohne Nachwehen
  • 18.09.2013
    Badezimmer renoviert: Waschbecken abmontiert, Waschmaschine verschoben => keine Schmerzen
  • 19.09.2013
    Dehnen bei 85% Beweglichkeit
  • 21.09.2013
    Seit über 9 Wochen trage ich nur Turnschuhe, so langsam würde ich wirklich gerne mal anderes Fußwerk anziehen…
  • 07.10.2013
    Normale Lederschuhe passen 🙂 Allerdings war ich dann nach 2 Stunden Lauferei auch froh sie wieder ausziehen zu können.
  • 10.11.2013
    Fitnesstudio, inklusive 10 Minuten Aufwärmen auf dem Laufband und 5 Minute ausgehen nach dem Training. Da ich schon länger wieder schmerzfrei gehen kann, habe ich auf dem Laufband durch seitliche Ausfallschritte versucht speziell diese Bänder und Muskeln zu trainieren. Gutes Gefühl am Abend.
  • 11.11.2013
    Wieder im Fitnesstudio gewesen, gleiches Programm wie am Tag vorher. Abends war eine Überanstrengung zu spüren, also einen Tag Pause!
  • Mitte Dezember 2013
    Über 30 Minuten auf dem Stepper, kein Problem 🙂
  • Ende Dezember
    X-Mas Boogie in Portugal – die ersten Sprünge nach dem Bruch!!! Natürlich waren die ersten Landungen etwas spannender als vorher und auch von mir auch deutlich langsamer geflogen – aber deswegen auch Problem- und schmerzlos. Natürlich merkt man es noch hier und da, aber 10 Sprünge in 6 Tagen (scheiss Regen) sind dann auch eine verkraftbare Belastung
  • März 2014
    Boogie in Beni-Mellal / Marokko – 40 Sprünge an 8 Sprungtagen. Null Wind auf 600m über NN und Temperaturen von teilweise über 30 Grad bedeuten schnelle Landungen … und was bin ich gelaufen 😉 aber nichts gemerkt, keine Probleme auch im Nachhinein. Vertrauen in meine Landungen und insbesondere die Belastbarkeit meines Fußes wieder vollständig hergestellt.
  • NOCH OFFEN: weiterer Heilungsverlauf
  • Entfernung des Metalls und die letzte Phase + Bilder der Narben

Wir ihr lesen könnt, konnte ich bereits nach einigen Wochen kurze Spaziergänge machen, nach ca. 2 Monaten die Krücken loswerden, nach 3 Monaten mich normal im Alltag bewegen, nach 4 Monaten trainieren und nach 5 Monaten wieder fast wie zuvor und vor allem schmerzfrei laufen. Das als kleine Aufmunterung.
Allerdings ist dies scheinbar nicht bei jedem so, laut Forenbeiträgen und auch Kommentaren weiter unten gibt es Personen mit Sprunggelenksfrakturen, die noch nach 4 Monaten auf Krücken und mit Schmerzen laufen, da hat jeder seinen individuellen Heilungsverlauf. Und es ist eben stark davon abhängig, ob man nun einen Weber B oder einen Weber C hatte, wie viele Schrauben und Schnitte gesetzt wurden, wieviel Schaden die Weichteile abbekommen haben etc.

Ich jedenfalls denke, das mir die vielen frühen Übungen, das Spazieren und die Dehnungen plus Massage, auch trotz Schmerzen, deutlich geholfen haben. Das man damit den Heilungsverlauf positiv beeinflussen kann, wenn man es nicht übertreibt, steht für mich ausser Frage. Auch wenn ich das aufgrund mangelnder ärztlicher Fachkenntnisse nicht weiter belegen kann.

Weiterführende Links

Betroffene freuen sich natürlich immer über mehr Infos, deswegen hier meine persönliche Liste an weiterführenden Weblinks:

Bilder des Grauens

Okay, Spaß – so schlimm sind die Bilder nicht. Aber ich habe natürlich einige Bilder aus dem Krankenhaus, wo es noch frisch ist. Und im unregelmäßigen Abstand sind neue Bilder entstanden, um die Narbenheilung zu dokumentieren.

Bildergalerie

Ich springe mit einem breiten Grinsen aus einem funktionierenden Flugzeug, bin süchtig nach Freefly, Internet, TV-Serien und den Wettervorhersagen fürs Wochenende ... in der Zeit dazwischen bastle ich an dieser Webseite.

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